02.07.2010 16:02 | von Ulrich Reimann
Fußball als Vorbereitung auf das Leben: Die WM zeigt viele erfolgreiche Projekte in Südafrika

Stefan Kunze war 2007 zum ersten Mal für ein Jahr in Südafrika und hat die "WhizzKids" kennengelernt. Nachdem der 27jährige aus Radebeul sein Sportmanagement-Studium beendet hat, ist er im Oktober 2009 für ein Jahr zurückgekehrt. Er koordniert das Training und die Inhalte in der Provinz Kwa Zulu Natal, an vier verschiedenen Orten über die Provinz verteilt treffen sich die Trainer mit den Kindern. Die Zielgruppe: Kinder der Schulklassen 5-7, die Schulen in Townships oder in deren Nähe besuchen. Die Trainer werden in einem einwöchigen Workshop auf ihre Aufgabe vorbereitet, sie geben pro Woche 1-2 Stunden Unterricht, das Programm umfaßt in der Regel 16 Stunden. In den Wochen vor der WM und während der ersten WM-Spiele sind die Kinder natürlich besonders motiviert beim Training, das hilft, sagt Stefan:

Die Schüler der Clarence Primary School beim Aufwärmen: Klar, dass sie beim Auftaktsieg von Deutschland gegen Australien in ihrer Heimatstadt Durban zu den Deutschen gehalten haben. Von der FIFA gab's sogar Freikarten, so konnten sie die Vorrundenspiele Holland-Japan, Spanien-Schweiz und Nigeria-Südkorea im Stadion erleben. Ein WM-Spiel besuchen, da ging ein Traum in Erfüllung, ihre Eltern können sich die teuren Tickets nicht leisten!

Die Mädchen sind mit besonders viel Eifer beim ersten Training dabei. Sport- oder gar Fußballschuhe gibt's nicht, der Barfuß-Kick auf dem holprigen und manchmal steinigen Acker ist nicht für jeden das pure Vergnügen, schmerzhafte Begegnungen mit dem Untergrund gehören dazu.

"Wir sprechen Fußball und das verstehen die Kinder", sagt Stefan. Das spielerische Element ist motivierend für alle, Fußball wird so leicht zum Medium. Die Ziele beim Fußballspielen werden übertragen auf das Leben der Kinder: Ein Tor machen, das nehmen sich die jungen Kicker vor. So soll das auch im Leben laufen, wer erfolgreich sein will, sollte ein Ziel haben. Bei der Wahl der Mitspieler wird klar: Nur im Team kann ich erfolgreich sein, das ist die Schule fürs Leben. Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, dann stellt sich auch der Erfolg ein. Gesundheitserziehung und Vorbeugung vor Krankheiten wie Aids, mit Beispielen aus dem Fußball verstehen das die Schüler sofort, stellt Stefan immer wieder fest:
Sexualerziehung und Aufklärung bei ganz jungen Kindern ist wichtig in einem Land, in dem die AIDS-Infektionsrate besonders bei Jugendlichen immer noch ansteigt. Viele Eltern haben aber Probleme damit, wenn die Trainer ihr Programm an den Schulen vorstellen. Und 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid kaum zu glauben, aber wahr: Das Engagement von "africaid" trifft manchmal auf Probleme, die sich Stefan so gar nicht vorstellen konnte:
Es den großen WM-Stars wie Messi, Robben oder Klose nachmachen, das bringt in diesen Tagen besonders viel Spaß, doch zum Schluß wird es dann noch einmal ernst:
Beim Kopfballspiel ist Köpfchen gefragt und sekundenschnell müssen Fragen mit "Ja" oder "Nein" richtig beantwortet werden:
"AIDS kann beim Händchenhalten übertragen werden, nur beim Geschlechtsverkehr kann ich mich mit AIDS anstecken, wer viel Tee trinkt, wird von AIDS geheilt": Nur, wer die Behauptungen richtig einschätzt, darf sich in der Schlange hinten wieder anstellen. Am Ende bleibt nur noch einer übrig, der dann gewonnen hat.

Tore erzielt, geschickt verteidigt, auf dem Spielfeld die richtige Position gefunden, mit der richtigen Taktik gewonnen: Die "WhizzKids" haben spielerisch gelernt, worauf es beim Fußball ankommt. "Diese Strategien könnt ihr auch in eurem Leben anwenden, das ist wichtig, wenn ihr lernt und euch für einen Beruf entscheidet", sagt Stefan zum Abschluß des ersten Trainings. Und am Ende wird klar: Ziele, Träume und Wünsche für ihr späteres Leben haben sie alle:
"Ich will Arzt werden, um anderen zu helfen. Mein Berufsziel ist Schauspielerin, das ist mein Herzenswunsch. Ich will Tierärztin werden, damit die Tiere länger leben können. Ich werde Polizist, um Menschen zu beschützen. Ich will Ingenieur werden, weil ich viel Geld verdienen will. Mein Ziel ist es Anwalt zu werden, weil ich das Recht liebe. Ich will Mechaniker werden und Autos reparieren. Ich will als Lehrerin Kindern helfen. Ich will als Fernsehmoderator Menschen unterhalten. Ich will Feuerwehrmann oder Sozialarbeiter werden, damit ich anderen helfen kann. Dann kann ich anderen das Leben retten und da sorge ich mich nicht um mein Leben, ich würde sogar für andere Menschen sterben".
Die erste
Doppelstunde hat Spaß gemacht, der Klassenlehrer hat so seine
Schwierigkeiten, die "WhizzKids" für die Rückkehr ins Klassenzimmer zu
motivieren.
Das Gruppenfoto beweist noch einmal: Sie drücken Deutschland für das Viertelfinale die Daumen, im Halbfinale spielen dann Podolski, Klose, Neuer, Lahm und Co. wieder in ihrer Heimatstadt Durban.-
Stefan Kunze wird im Herbst nach einem Jahr in Südafrika wieder nach Deutschland zurückkehren. Er wird sehr nachdenklich, wenn er über die Zukunft Südafrikas redet, eine Zukunft ohne Weltmeisterschaft und ohne das Interesse der Weltöffentlichkeit, sagt er:
